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Blog zur politischen Kunst, Kunstpolitik, Politik in der Kunst, Kunst versus Politik.

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Tot/d im Visier
Tot/d im Visier
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Ja. Ich schreie: Die Wiese der Fische. Die Wiese, Mann ! Ja. Yell Ich picke aus ARTS-On.com heraus und redupliziere die Artikel, die meinen politischen Draht in Schwingungen versetzen. Also erst einmal die Wiese der Fische von dr Kunstzeitschriftenseite www.arts-on.com, der die kulturellen Reflexionen der Japaner auf ihre früheren atomaren Katastrophen behandelt: Die Wiese der Fische - nicht nur Metapher für unabsehbar kafkaeske Verwandlungen sondern auch Bericht über die traumatisierende Verarbeitung durch Radioaktivität verletzter Menschen zu dem ambivalenten Monster Godzilla.

 

Die Wiese der Fische

Oder: Versuch über die Bedeutung des ästhetischen Empfindens für die Rettung der Welt vor der atomaren Verseuchung.

Godzilla - Horrorfilm als traumatischer Ausdruck atomarer Katastophen

In den seltenen nächtlich zufällig gezappten Filmen der Jugend, die, durch noch nicht berühmte RegisseurInnen als exzentrische Spielfilmproduktionen oder als verwegenes Fernsehspiel entstanden, mit jugendlichen, komplett verworfenen Protagonisten das Lebensgefühl der dem Biedermeierlichen fremd Gewordenen, der Kleinstadt emotional Entwachsenen, noch dem Elternhaus Verpflichteten doch denkend in die Ferne Strebenden bestärkten und bestätigten, in diesen Filmen also, fanden sich, insbesondere nach fatalen Ereignissen wie unbeholfener Schusswaffengebrauch in den Tod laufender Familienväter, tölpelhafte Banküberfälle oder Drogenmissbrauch, der Verlust des sozialen Umfeldes durch Inhaftierung oder das Eingehen einer ehelichen Gemeinschaft, die eigentlich den elan vital repräsentierenenden Jugendlichen zum hemmungslosen, mitunter öffentlich in den Straßen der unbegrünten, anonymen Städte genossenen Sex – ein unhinterfragtes, enthemmtes „Durch den anderen hindurch, rund um den anderen herum und hinweg“, quasi hegelianische Praxis ohne Hegels Theorie. Also Sex gegen die plötzlich aufdämmernde Angst vor dem Tod.

Die Wale müssen so etwas auch erlebt haben, als sie in bestimmten Regionen seltener wurden und das Rufen der Böcke in die hochfrequenten Stimmlagen von Alt und Sopran überging, die über große Distanzen hörbar sind. Diese interessierte, aber weit entfernt wohnende Walkuh darf man sich vorstellen: windeseilig auf dem Weg zum orpheischen Bock, doch völlig erschöpft dort ankommend, als Walin ja nicht durchgeschwitzt, aber vielleicht ihrer prallen Schönheit bei ruhigem Gemütszustand beraubt. Doch dem Bock macht das nichts, nein, vielmehr, vielleicht, ist er wie die oben erwähnten Menschen begeistert ob der ambivalenten, zweideutigen Ausstrahlung der enthuasistischen, nahezu tödlich erschöpften Walkuh.

Die Logik der Fortpflanzung – hier das Wort einmal sehr metaphorisch gebrauchend – möchte es, dass Sex, Liebe und die Triebe durch Warnschüsse aus einer Rahmensituation, geprägt von Werden und Vergehen, entstehen. Nicht im romantischen Film über ins Leben gebrochene Existenzialisten, sondern im schnöden Alltag des nachbarschaftlich organisierten Kleinbürgertums spiegelt sich dieser Mechanismus ebenfalls, wenn auch durch das Ideal der romantischen Liebe verschleiert: je älter die Eltern, desto attraktiver die Nachbarin bzw. der Nachbar – Häuser wachsen zusammen, Altenpflegekräfte müssen nur einmal anreisen, Gärtner und Garagen kann man sich teilen – statt Generationen bilden sich allzuleicht Gruppen auf horizontaler Ebene – natürlich durch Generationsfolgen, leibhaftig geworden und durch vorehelich herannahenden, nachbarschaftlichen Nachwuchs sinnvoll unterstützt. Wie in der Tierwelt, ist „Attraktivität“ im Grunde gerne instrumentell: Berechenbarkeit und Praktikabilität wiegen oft weit mehr als Ausstrahlung oder geistige Nähe - der biedermeierlich kodierten, ungeschulten und unreflektierten Seele fällt beides in eines, ohne dass es ihr als unromantischer Selbstbetrug auffiele.

Im Kontrast dazu, ebenfalls am Familienideal gemessen, unglücklich, fühlt die feministische Seele, die die Ausbeutungssituation berechnet und unpraktikabel findet, zudem vielleicht von Ausstrahlung und geistiger Nähe weiß, dass beides nur zu Konkurrenz und konkurrierender Promiskuität (sei es nur geistiger) führt.

Es war deshalb mehr als komisch, verzerrt und artifiziell, aber auch instinktiv, ursprünglich und anarchisch, dass der Regisseur Eiji Tsuburaya auf die atomare Verseuchung eines Fischerbootes durch einen Atomtest auf den Marshall-Inseln, nicht weit genug entfernt von der japanischen Küste, mit der Erfindung von Godzilla und der Liebes- und Geiselstory der „Weißen Frau“ in den Händen des schwarzen Zottelmonsters reagierte.

»Nature is like Godzilla«, schrieb mir gestern ein japanischer Freund aus Tokyo.“, las ich in der Online-Ausgabe der Zeit in einem Artikel von Jörg Buttgereit, dem Berliner Horrorfilm-Regisseur, der in den späten Achtzigern mit „Nekromantik“ in den Berliner Kinos reüssierte – eine Art Umkehrung der Bilitis-Schleierästhetik zu verschmiertem Leichensex, aus der Perspektive des Filmemachers insbesondere ein Meisterwerk des erotischen Illusionismus und in Bezug auf die Produktionsbedingungen 'echt eklig'.

Zerstörte Großstädte, zertrampelte Fischerdörfer und explodierende Ölkessel an japanischen Hafenanlagen waren gewissermaßen ein Leitmotiv der japanischen Monsterfilme der siebziger Jahre“, schreibt Buttgereit, denn sie prägen auch nun wieder das Bild der Insel. Die Verweigerung einer integren Informationspolitik durch die japanischen Ministerien, die die Fußverbrennungen der Rettungskräfte durch hochgradig radioaktiv verseuchtes Wasser in den Reaktoren als normale Verletzungen ohne besondere Gefahr typischer Folgeerscheinungen wie Leukämie darstellte, passt zu der seltsamen Form der Kompensation durch die Geburt von fiktiven Monstren, die plötzlich in die japanische Welt der perfekten Verdrängung eindringen:

Im Jahr 2002 war ich in Fukushima, dem Ort also, wo jetzt der nukleare Super-GAU im Atomkraftwerk droht, um mir eine Ausstellung zu Ehren von Eiji Tsuburaya (1901-1970) anzusehen. Der dort geborene Tsuburaya ist der Vater von Japans »beliebtestem« Monster: Godzilla. Von 1954 bis 1969 war er als Spezial-Effekt-Regisseur für unzählige japanische Monsterfilme der traditionsreichen Produktionsfirma Toho verantwortlich.

Inspiriert wurde sein original Godzilla-Film aus dem Jahre 1954 von einem Ereignis, das das Land am 1. März desselben Jahres schockiert hatte. Die USA führten einen Atomtest auf den Marshall-Inseln durch. Die Explosion auf dem Bikini-Atoll war mit fünfzehn Megatonnen 750-mal stärker als die Bomben, die neun Jahre zuvor auf Hiroshima und Nagasaki niedergegangen waren. Eine Wolke aus radioaktiver Asche trieb aufs Meer hinaus. Unglücklicherweise befand sich nur hundert Meilen östlich des Testgebietes das japanische Fischerboot Dai-Go Fukuryu Maru (Glücklicher Drache Nummer 5). Das Boot und die dreiundzwanzig Mann Besatzung wurden mit klebriger weißer Asche bedeckt. Übelkeit, Kopfschmerzen und Augenbrennen waren die Folgen. Nach wenigen Tagen verfärbten sich die Gesichter einiger Männer dunkel. Sechs Mitglieder der Besatzung starben später an Krebs, und Tausende Japaner erkrankten oder starben, weil auch der gefangene Fisch verseucht war und verkauft wurde.“ (Buttgereit, Die Zeit online)

Die Assoziation von Monstern, die aus dem Meer steigen und die japanische Insel bedrohen, ist zwar mit der Angst vor einem Atomkrieg oder atomaren Katastrophen assoziiert, - die Monster sind aber auch gerade deshalb Fantasiewesen, weil sie sich als solche jeder Projektion fügen: Das Monster ist wie....Tsunamie, Bomber des zweiten Weltkriegs, der böse Onkel. Allerdings, die Beschwörung der atomaren Gefahr gab in „Godzilla – die Rückkehr des Monsters“ von 1984 Anlass zu einem Bild:

Ein gigantischer Godzilla kommt aus dem Meer und stapft auf einen Atomreaktor zu. Dann trampelt er mitten in den Reaktor hinein und nimmt dessen Energie auf. Es ist der auch symbolische Anschluss des Monsters an seine atomare Kinderstube.“ (Buttgereit)

Das Bild zeigt natürlich auch den Eklektizismus des Films, der aus Japan hinausweisend auch an Mary Shelleys Frankenstein-Roman erinnert und dessen Monster, das durch den damals gerade wissenschaftlich durchleuchteten Blitz erweckt und quasi mit Lebensenergie aufgeladen wird. Mit der anderen, kritischen Komponente, dass Atomkraftwerke Anschläge von terroristischen Attentaten werden können, mischen sich in Horrorfilmen soviele andere Bilder und Assoziationen, dass dieses rationale Potenzial kaum eine Chance hat, sich durchzusetzen. Wenn, dann als Aufforderung, Terroristen zu bekämpfen und nicht als Aufforderung, auf die Energie, die diese für sich verfügbar machen möchten, von vorneherein zu verzichten.

Eklektizismus versammelt ein Repertoire bekannter Bilder, einen kulturellen Atlas nach Aby Warburg oder, wenn semantisierbar-inhaltlich durchdacht – auch nach Panofsky, also in jedem Fall klassisch ikonologisch. Doch der Ikonologos ist, wie der Logos im Sinne von „satz“ selbst, nicht immer ein Aussagesatz. Er kann auch eine rhetorische Geste sein – und häufig ist der Logos des trivialen Mediums und dessen eingesprengseltes Bildungsgerümpel auch einfach gestisches Zurschaustellen assoziierbaren Materials, Frankenstein der euphorische Wissenschaftler und erster (als alter ego der Ersten, Mary Shelley), der dem Energieerhaltungssatz widersprach, bevor dieser in den Wissenschaften überhaupt ausgesprochen war – also bei Godzi vor allem deutschtümelnd-romantisches Beiwerk aus dem Fundus der deutschen Kultur der Romantik, den die Japaner lieben, wo sie sich zu Hause fühlen: Heidelberg, Miharu Koshis Gounod „Ave Maria“-Interpretation, Schubert, Rosenknaben et al etc. pp. Damit sich die Hagajuku-Style-Girls im Kino wohlfühlen, und wir natürlich auch. Der deutsche Verleihtitel des achten Films der Godzi-Serie also: „Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn“ - wobei „Frankenstein“ hier als eine Art Allgemeinbegriff für Wissenschaftler dient, die mit modernen Energien arbeiten – bei Mary Shelley noch natürliche Elektrizität, insbesondere das Naturphänomen Blitz - bei Jun Fukuda 1967 wiederum Kernenergie:

Auf der fiktiven Insel Sollgell Island arbeitet ein Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Dr. Tsunezou Kusumi an einer Wetterkontrollanlage. Bei einem Test entweicht aus der Maschine radioaktives Gas. Durch dieses steigert sich die Körpergröße der auf der Insel lebenden riesigen Gottesanbeterinnen (im Original Kamakirasu). Einige Wissenschaftler beobachten im Folgenden wie drei dieser Geschöpfe ein riesenhaftes Ei angreifen. In Folge dieser Angriffe zerbricht dieses und ein putziges, an Godzilla entfernt erinnerndes Baby kommt zum Vorschein. Aufgrund der Hilferufe dieses Babys erscheint kurz drauf Godzilla, der zwei der Gottesanbeterinnen tötet und die Basis der Wissenschaftler verwüstet.[...]“ (Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Frankensteins_Monster_jagen_Godzillas_Sohn)

Kehren wir also gegen den Strom zu den historischen Tatsachen zurück und dem Film kurze Zeit den Rücken zu bzw. beschäftigen uns mit einem anderen Film. Wir denken an die französische Bildhauerin Camille Claudel – ihre jugendstilnahen Übergänge von der Raumform zum Raumornament, sei es bei der Marmorskulptur einer Frau in Rückenansicht oder, demonstrativer, bei „La Valse“, ebenso offenherzig erotisch. Die Welle mit drei tanzenden Wasserfrauen dagegen in Aufsicht eher unharmonisch, mit disparat erscheinenden Vergrößerunngen und Verkleinerungen der natürlichen Größen, die dann jedoch aus anderer Perspektive wieder gerade der Massivität der Bronzeskulptur verblüffende Leichtigkeit abgewinnen, also schon 'interessant', vielleicht analytischer und sicher provokanter als man es zu ihrer Zeit verstehen wollte.


Im Film findet besondere Aufmerksamkeit nicht die kleinteilige Modernität ihres Werkes sondern eine Etüde, ein Körperdetail: Die Rodinschülerin schöpft zur bewunderung ihres Lehrers einen schönen Fuß, ein Körperdetail, aber lebensgroß, im Gegensatz zu ihren anderen Werken, in denen sie schon aus finanziellen Gründen und wohl auch gemäß dem Verbot gigantomaner Projekte für Frauen, Ganzkörperwerke in Kleinformate presste. Die Etüde prüft und zeigt natürlich auch ihre Eignung zur Mitarbeit an den Großskulpturen Rodins. Auch an einem Fuß´lässt sich schließlich zeigen, dass man anatomische Formen beherrscht. Doch der Fuß im Film ist auch Symbol für die untergeordnete Mitarbveit, den Hilfsarbeiterstatus.

Gab es ihn? Wenn nicht, dann wäre er es als Symbol doch wert gewesen: Der Fuß ist vollendete Mimesis, aber auch unscheinbares Symbol: Die Mimesis als Fundament der Darstellung, der ideale, tragfähige Fuß als Ideal an Form und Funktion. Die Zweibeinigkeit als Wert erkennend und so Pygmalion übertreffend. Vielleicht auch sogar christlich, der reine, gemeisselte Fuß wie gewaschen. Schließlich tragisch: Ödipus – Claudel wurde nur vom Vater unterstützt, dessen Rolle zu übernehmen bot sich so dem fünfundzwanzig Jahre älteren Bildhauer Auguste Rodin an – der sich dann lieber stiefmütterlich benahm, bis sie ihn verließ und ohne soziale Unterstützung auch die für ihr Werk velor, verarmte unnd schließlich von der eigenen Familie in die Psychiatrie entsorgt wurde.

Die Füße der Japaner. So wie der Film die Fußszene inszeniert, einen schweren Rucksack patriachalen Mauerwerkes verklärt, so schlieren die japanischen Ärzte und Pressesprecher über den Sachverhalt hinweg, dass das Wasser nicht nur tödliche Folgen haben kann, sondern auch die Anwesenheit eines Lecks voraussetzt. Godzillas Fußtritt - das Aufladen uund Aneignen von Energie, die monströs gewordene Zweibeinigkeit - misslingt und zerstört auch symbolisch das Fundament einer Kultur der Trennung von Fuß und Hand, Bauch und Kopf. Waschung – als kulturelles Leitbild – findet sich so real ins Gegenteil verkehrt. Zur Zeit der Urchristen, für die Taufe und Fußwaschung noch besondere Bedeutung hatten, konnte man quasi als Nebensinn die Verfügbarkeit und Sauberkeit von Wasser feiern. In den Zeiten von PKW und Wasserleitung fehlt die Emphase, die man damals über die Kühlung einer wundgelaufenen Fußsohle oder einfach einen Humpen Frisches empfinden konnte. Der weitgehende Verlust dieser Empfindung durch technisch in sich perfekte und abgeschlossene Versorgungssysteme rächt sich besonders katastrophal, wenn gerade das fundmentale Element Wasser verseucht wird und somit unbrauchbar.

Unsere deutsche Regierung weiß es auch bereits und sorgt hysterischen Anrufen von Verbrauchern vor: * Sohn färbt sich nach Sushi-Essen grün - Indiz für Godzi-Transformation? *

Unser Ministerium bzw. seine Beauftragten nehmen von Importen Stichproben, die auf Radioaktivität geprüft werden. Ansonsten verlässt man sich auf die Überprüfung und Zertifizierunng im Herstellerland. Die Japaner, Ärzte uund andere in die Atomindustrie involvierte Wissenschaftler, dürfen selbst entscheiden, ob die Konsumenten in aller Welt durch ihre Exporte ungefähr so geringgradig gefährdet werden wie die Rettungskräfte mit den leichten Fußverbrennungen. Der bisherige, eindeutig trivialisierende Umgang Japans mit der Verbreitung von Radioaktivität weckt also besonderes Vertrauen. Die Schutzzone um das Kraftwerk wurde von den Japaner auf 20 Kilometer beschränkt – im Gegensatz zu den empfohlenen 80 bis 100 km. Usw.

Zur Zeit werden Produkte wie Soßen und Gewürze exportiert, von denen man in den Importländern nicht genau genug weiß, wie und wo sie hergestellt werden, um sie zu fürchten. Fische importiert Deutschland nach Angaben der Bundesregieung vor allem aus dem Nordatlantik. Häufig ist aber, wie man seit Thunfisch-Skandalen und Wildlachs-Etikettenschwindel weiß, nur die Vertreiberfirma nordatlantisch, während die Fischzüge, Ringbandnetze und Schleppnetze den Pazifik durchstreifen. Auch die englische Nordwestküste war zudem mehrfach Ort von Reaktorunfällen, die die nähere Umgebung belasteten, u.a. das Meerwasser und die Atmosphäre durch eine radioaktiv verseuchte Wolke. Die Wolken von Tschernobyl verseuchten Böden und Wälder bis hinein nach Bayern, wie man mittlerweile, nachdem neue Aufmerksamkeit auf das Energieproblem gelenkt wurde, in den spätabendlichen Hintergrundsendungen zu den unzähligen Reaktorunfällen der Geschichte erfährt. Da diese Berichte nun paradigmatischen Wert haben müssen, erfährt man auch, welche Auswirkungen die Verbreituung von Radioaktivität auf die Lebensmittel der Regionen hatten.

Und tatsächlich: Pilze, Beeren und Wild, also die Flora und Fauna der Wälder, sind in Bayern noch immer in irregulärer Form von radioaktiver Verseuchung betroffen. D.h., bei manchen Stichproben finden sich immer noch unzulässig überhöhte Werte. Ein Rehbraten ist also auch offiziell noch immer ein Risikogericht – von den privaten, nicht forstwirtschaftlich kontrollierten, nicht ökologischen Erzeugern landwirtschaftlicher Produkte weiß man es vielleicht einfach nicht, wieviel Becquerel im Getreide mitschwingt, wenn sich goldene Felder idyllisch in Wind und Sonne aalen.

Und der Aal – oder anderer Fisch. Indonesischer Thunfisch behauptet von sich, er sei erstens keine Gefahr für den Delphin, zweitens nicht von den japanischen Eskapaden betroffen. Glauben wir das? Die Regionen sind nicht wirklich weit entfernt voneinander, im Meer verteilt sich viel. Das Datum des Fangs steht nicht auf der Dose.... lieber weg damit. Nordsee – Atlantik. In den schlauen Wochenzeitschriften las ich und hörte es im Fernsehen, dass man auch im Nordatlantik immer mal wieder erhöhte Richtwerte bei den Fischfängen gemessen hätte. Diese hätten aber immer unter den Richtwerten gelegen, bei denen man von einer gesundlichen Bedrohung sprechen kann. Also, selbst wenn ich jetzt den Lachs mitnehme oder einen verdammten Rollmops, bilden sich nicht schon bis zum nächsten Wochenende Tumore und Metastasen. Na klasse! Und selbstverständlich ist selbst das nicht mehr.. Bei der Sushisoße muss ich schon höllisch aufpassen und an die Repräsentativität von Stichproben glauben. Obwohl ich ja gerade erfahren habe, dass z.B. in Bayern die Stichproben noch immer komplett unterschiedliche Ergebnisse liefern können – mal ist ein Reh verstrahlt, mal nicht. D.h. aber doch, dass die einzelnen Stichproben nichts aussagen. Repräsentativität setzt natürlich Gleichverteilung voraus. Die nicht gegeben ist. Mit etwas Pech isst man heute noch mit schlechtem Gewissen bayerischen Rehbraten mit Preiselbeeren und lässt sich einige Tage später schon in der nächsten Arztpraxis nieder, über seltsame Symptome klagend....

Der Einkauf, noch vor wenigen Monaten in den Medien als Überforderung des Konsumenten und somit auch als semiwissenschaftliche Studie zu Preisvergleich und professioneller Nutzenoptimierung im Alltag zwischen Netto, Aldi, Rewe, BioMarkt und dem edlen Naturkostladen quasi gefeiert, wird jetzt wirklich zur Tortur: Wie in den Environments von Erwin Wurm stehen die ängstlich um ihr Konto und ihr Leben bedachten Kunden vor einem Angebot, das nicht nur auf Preis und Kalorien geprüft werden muss, sondern nun noch auf Herstellungs- und Verpackungsdatum, auf den exakten Herkunftsort und seine Nähe zu den realen und empfohlenen Schutzzonen und schließlich noch auf die Akzeptabilität der mit dem Verzehr mehr oder weniger wahrscheinlich verbundenen Gesundheitsrisiken. Es ist offensichtlich ein schrecklicher Irrtum, dass nur Zigaretten uund andere Tabakwaren die Aufschrift „ XY [alt: Rauchen / Verzehr] kann tödlich sein“ verdienen. Unterlassen werden ja auch Hinweise auf Alkoholmissbrauch und gentechnische Manipulationen von Gemüse etc. - nur diese Risiken kennt man immerhin oder meint zumindest, sie einigermaßen abschätzen zu können. Nun kommt eine neue Qualität dazu: Das russische Roulette mit der Strahlenbeere, dem quecksilbrig-atomar leuchtenden Thunfisch, dem nur scheinbar harmlosen Rollmops. Da sehnt man sich doch nach einem mit Gentricks produzierten Schweinefleischklumpen unnd Kopf und Gefühl, der blitzschnell mit Nahrungsergänzungsmitteln und medizinischen Produkten aufgedunsen und dann in Scheiben an den Handel verteilt wird, in abgeschirmten Metzgerhallen keine Chance hat, Radioaktivität in irgendeiner Form aufzunehmen...? Naja, nicht unbedingt – noch müssen ja lebendige, eigentlich fühlende und nahezu denkende Lebewesen leiden, nette Schweine, Rinder, Kühe, Kälber etc.. Welche Paradoxien im Konsumentenverhalten nun entstehen:

Hä? Warum sind die Erdbeeren denn so billig? Haben Sie mal einen geigerzähler hier? Die sind doch mit Sicherheit über dem Grenzwert. Haben Sie auch welche für den 2,5 fachen Preis ? Und bloß nicht Bio. Da ist der ganze Humus aus den radioaktiven Wäldern in der Erde. Und die leben ja nicht in Welten, in denen man mit Geigerzählern herumläuft, die Biobauern. Also bitte: Gentechnische, schnelle Gewächshausbeeren ohne Bodenkontakt und zum dreifachen Preis für eine Stichprobengarantie“. Die Verkäuferin, geschult-ungeschult: „Hä?“ usw.

Der Ruf ertönt, nach mehr Verbaucherinformation doch zumindest: Dieser Fisch hat schätzungsweise xx Becquerel, nach EU-Norm stellen xy Becqeurel eine gesundliche Bedrohung dar. Dann kann man zählen und in den Einkaufskalender eintragen, wie viel man wann gegessen hat und wie sich entsprechend die überschüssigen Becquerel summieren, ab wann also, nach der Halbwertzeit-Formel, die Anreicherunng des gesund ernährten Körpers mit einer lebensbedrohlichen Menge radioaktiver Stoffe erreicht ist. Schon RealschülerInnen ab der 10. Klasse können also im Prinzip solche Verbrauchertagebücher führen und werden so durch uunnser hervorragendes Bilduungssystem in die Lage versetzt, verantwortliche Kaufentscheidungen zu treffen !

Aber auch ohne Etikettenschwindel, - ein Problem ist die gegenläufige Dynamik der Reaktionen in Kultur und Natur: Der Meer reagiert langsam. Radioaktives Wasser aus den zerstörten Reaktoren dringt ins Meer und verbreitet sich dort allmählich: Fische, Korallen, Wolken, Wellen, Wale, Seevögel schleppen es mit. Einmal in der Nahrungskette, kann das radioaktive Übermaß, sei es denn gering, beliebig reisen. Die Zerfallszeit ist eben leider lang. Einige von uns fürchten schon die kontrollierte Manipulation genetischen Materials, die mittlerweile bei normalem Obst und Gemüse ja Gang und Gebe ist. Nun kommt die zellverändernde Kraft der alpha-Teilchen dazu. Und schon sind wir im Godzilla Krimi. Um Tschernobyl herum untersuchen Forscher seit Jahren die Veränderungen von Pflanzen und Tieren. Einzelne Wölfe werden gekennzeichnet und regelmäßig untersucht. Bei den Nadelhölzen von Tschernobyl wurden bereits genetische Veränderungen festgestellt – das betrifft dann zuerst einmal eine Veränderung äußerlicher Merkmale, z.B. der Farben:

Als Vergleichsbäume dienten jeweils gleichaltrige Kiefern gleichen Ursprungs, die in unbelasteten Gebieten der Ukraine wachsen. Wie die Wissenschaftler herausfanden, wachsen die Kiefern um Tschernobyl langsamer und zeigen vielfältige Abweichungen vom normalen Wuchs eines Nadelbaums wie beispielsweise Nadelverfärbungen oder geänderte Verzweigungsmuster.“

http://akademieintegra.wordpress.com/2011/04/21/baume-reagieren-mit-genetischer-anpassung-auf-extrem-hohe-radioaktivitat/



Wir kehren jetzt allmählich zurück zu den Anfängen dieses Kunstbriefes. Die Stimmlage der Wale, die sich der Entfernung der Walkühe von ihren Männchen anpasst – die Farben der Meerschweinchen – die Liebe in den Zeiten der Cholera....

Soeben berichtete die Zeit auch über schöne Bildbände von den untersten Ebenen der Meere und ihren Erscheinunsgbildern, den Schmuck- und Tarnfarben der Meerestiere, von Seevögeln und Wesen am Meeresrand und - grund. Wichtige genetische Informationen, die man quasi kinderleicht und durch naivste Berechnung in der Tierzucht und -hobbyzucht einsetzt, konstituieren diese Farbspiele, Haut- und Fellbeschaffenheit, Stimmumfang und Bewegungsvermögen. Solche Eigenschaften sind die Gesundheit sichernde Anpassungen an eine warme oder kalte, trockene oder feuchte Umwelt, sowie überlebenswichtig als Tarnung vor Feinden und als gefälliges Lockmittel für Partner.

Atomkraftgegner liebten schon immer Szenarien im Stile Godzillas – Menschen mit Elefantenrüsseln im Gesicht, unbrauchbare Körperwülste etc. Aber schon viel harmlosere, oberflächliche Würfelspiele der Genetik reichen aus, um das natürliche Gleichgewicht der Arten fundamental zu bedrohen: Pinguine sind nicht nur hübsch mit ihrem schwarzen Rücken und weißen Bäuchlein. Der weiße Bauch tarnt sie auch beim Fischfang. Auf der Wasseroberfläche erscheinen sie, von unten gesehen, wie das Sonnenlicht und bilden keinen, auffällig nach Haifisch- oder Walfutter aussehenden schwarzen Punkt. Den stellt aber ihr Rücken dar, der in der dunklen Arktis auf dem Meer von oben bzw. außen gesehen dann wiederum keinem Eisbären so leicht auffällt. Verteilt sich nun aufgrund einer minimalen genetischen Deformation das Schwarzweiß des Pinguins punktartig über seinen ganzen Körper unnd vermischt sich zum Apfelschimmel-Fell, ist es um diese Tierfamilie geschehen. Die Eisbären, wenn es sie dann noch gibt, müssten so zwar einige Zeit nicht mehr hungern, werden sich aber nach einigen Jahren fragen, wo denn die nettten pinguinähnlichen Straziatella-Sandwiches noch zu haben sind....

Das Meer also, insgesamt, durchzogen und überflogen von Walen, Seevögeln und anderen Tieren, die zum Teil nur Biologen kennen, wird sich irgendwie änden. Das dauert natürlich – die ersten Spuren sind vielleicht erst sichtbar, wenn man den Supergau bereits wieder vergessen hat. Sie interessieren dann noch Biologen uund andere Wissenschaftler, solange, bis wieder ein Kernkraftwerk, explodiert oder sabotiert, die Unzulänglichkeit der Sicherheitsapparaturen beweist.

In Tschernobyl bieten die Zivilisationsreste der von Menschen komplett verlassenen Region den Wölfen zwar keine gesunde Umgebung, aber Sicherheit und Freiraum, zudem wohl auch hinreichend natürliches Futter – wie Ratten ? - das sich dort aus ähnlichen Gründen gut verbreitet. Irgendwann also entstehen Märchenwelten abgeschlossener Räume „des Bösen“ - das Schneewittchenschloss, das Labyrinth des Minotaurus oder das Hotelzimmer 132 aus dem Horrorfilm „Shining“ - von denen wir aufgrund unserer literarischen Kodierung annehmen, die Grenze dieser Räume und Zonen sei von magischer Dichte, sie existiere überhaupt – das wird jedoch im Fall von atomarer Kontamination immer eine rein verwaltungstechnische Festlegung von Grenzwerten sein.

Anders als man es sich im Kalten Krieg erhoffte, sind die Zonen nun, nach Japan, auch nicht mehr politisch überlagert. Arno Schmidt warnte spöttisch bereits mit seiner Erzählung „Gelehrtenrepublik“, die mit dem Austausch von Menschen- und Windhundhirnen das wilde Jonglieren mit Erbinformationen vorwegnahm. Das Motiv des Gazellenmädchens im quasi östlich-ddr-lerischen Raum zwischen Republik innen und außerhalb „der Zone“ zeigte ihn noch, wie er vergnüglich zwischen erotisierender Metapher und animalischer Männerfantasie schwankte. Also Fantasie. Und schöne Monster dieser Art werden wir vielleicht nicht. Aber z.B. Pigmentschäden. Oder falscher Haarwuchs auf den Handrücken: Werwolf statt Godzilla-Gorilla – dh. - nicht mal Primat !; Lichtunverträglichkeit; knochentrockene Schleimhäute. Andere monströse Veränderungen bei zukünftig Geborenen, deren Eltern dann zu allem Überfluss auch noch an Krebs sterben, weil sie sich ihr Leben lang 'gesund' ernährt haben, zwei Stunden täglich über ihre Lebensmittelkäufe nachdachten.....

Fraglich, ob, wenn der schleichende Becquereltransport quer durch die Natur uns erreicht hat und sich auf unserer Haut etc. niederschlägt, überhaupt noch ein Bezug zu dem Unfall in Fukushima hergestellt werden kann. Die Bundesregieung machte sofort informationell mobil http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Japan/Lebensmitteln/lebensmittel.html

Aber jetzt besteht natürlich weniger Gefahr, als in einigen Jahren, wenn sich die Verstrahlung ausgebreitet hat und die Stichproben so unberechenbar werden wie die aus bayerischen Forstgründen.

Godzilla legt auch das Maß des Katastrophalen fest, das erforderlich ist, um unsere Gemüter aufzumischen, echte Angst und Nervosität entstehen zu lassen. Da die Medien ohne sensationelle Ereignisse und natürlich aufgrund von mangelnder Investigation, irgendwann demnächst auch keinen Anlass mehr haben, über die tatsächliche Situation zu berichten – außer vielleicht in Hausmagazinen von Umweltorganisationen - kann das Verbraucherbewusstsein, ohnehin ständig durch Preisvergleiche überfordert, wieder auf null Becquerel sinken. Die Kontrollen der Importe enden dann zeitgleich aus eben diesem Grund der mangelnden öffentlichen Aufmerksamkeit, und dem Ausbleiben von skandalösen Kontaminationsfällen. Wo keine oder nur beschönigende Berichterstattung ist, wenn sich genetische Umwandlungen unter Wasser verstecken und Zusammenhänge in den Regalen der Vertriebs – und Handelsstrukturen, der Mischprodukte und mangelnden Kennzeichnung unsichtbar werden, reduziert sich Fukushima und die Kontamination von Lebensmitteln schnell auf eine Randbemerkung wie „Der Verzehr kann tödlich sein“ - nur kleiner und weniger explizit als „Rauchen kann tödlich sein“, wenn überhaupt. Denn wir müssen dann ja, ohne es zu wollen, trotzdem täglich „zur Zichte“ greifen. Mit Schrecken theoretisieren wir aus dem Bauch heraus, dass eine solche Aufschrift verbnunden mit einer gezielten Preispolitik vielleicht sogar verkaufsfördernde Wirkung hätte: Unmittelbar nach dem Zigarettengenuss tot umgefallen ist ja noch keiner. Vielleicht irgendwann Krebs, aber jetzt erst einmal vier Euro gespart im Vergleich zu Schlabbertofu..... Fügt es den allgemeinen Ängsten um die Gesundheit etwas hinzu? Vielleicht, weil und wenn täglich so eine Aufschrift auf unserem Tisch herum leuchtet. Wir wissen nicht, wieviel – Becquerel, innere Ruhe, Todesangst, Lust...... Wir fragen die Verkäuferin oder den Verkäufer: „Ist das schlimmer als bei den Zigaretten?“ „Hä? Keine Ahnung. Wir bekommen die Ware so.“ „Ah so....“.

Kann das Wissen um den betrügerischen Schein der Unschädlichkeit und Normalität uns den Geschmack wirklich verderben? Vielleicht setzt es wirklich subtiles ästhetisches Empfinden – die ständige Schulung an Werken der Kunst ! Ja! Ha! - voraus, wenn wir hoffen können wollen, dass der Kontaminationsgehalt an Lebensmitteln und Umgebung irgendwann quasi instinktiv als Belastung empfunden wird. Wenn wir wie auch immer zustandegekommenes oder irgendwo übriggebliebenes klares Wasser, unkontaminiert, als seltenes Labsal empfinden. Als belebenden Quell im Kontrast zur verstrahlt-vergifteten Soße.

Mephisto, spöttisch den Konsumenten imitierend: „Doch wo quoll es hervor? Wo ist die Quelle? In Bayern? Ist da Wald da herum? Welche Belastung? Hm... schnell mal im Tagebuch blättern. Kann ich heute nicht mehr trinken, tut mir Leid. Sieht so frisch aus, das heilige Quellwasser. Ach du lieber Gott. Du liebe Güte. Alles ist hin :)“

Man wird sich dann, ausgelöst endlich durch Ekel, natürlich viel zu spät Gedanken machen über den Sollstand auf dem Konto der kulturellen Energiegewinnung.

Bericht: Ulrike Ritter

 

 

 

Den Artikel findet ihr auf der Webseite arts-on.com

Jetzt fühle ich mich irgendwie inspiriert, über die Umwidmung der Warnslogans "Rauchen kann Ihre Gesundheit gefährden" zu Werbetexten im Sinne eines Absurden Theaters auszulassen, beim nächsten Blog-Beitrag: Die schlichte Form des Schwarz-Weiß wird zur marktschreierischen Signalwirkung - "Nimm mich, ich töte am liebsten" - eben wie Godzilla. Und die SLogans werden immer heißer: "Das Nikotin in Zigaretten schadet nachweislich Ihren Spermien". Nicht zu fassen. Das heißt, nach fünf Packungen geht Sex auch ohne Gummi...???? Also vielleicht zwei Packungen ohne Filter.... bis bald?

 

Nicht der Sonne aussetzen.

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